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Die Sackgasse WfbM

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Zwei Personen vor einer Sackgasse und einer offenen Tür als Symbolbild für die Sackgasse WfbM: Acht Jahre ohne Aufbruch

Acht Jahre ohne Aufbruch

Meine Lebensgefährtin Janina und ich waren acht Jahre in einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Die Abkürzung dafür ist WfbM.

Eine WfbM soll Menschen mit Behinderungen beruflich fördern und begleiten.
Sie soll Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen.

Teilhabe bedeutet:
Menschen sollen nicht nur beschäftigt werden.
Sie sollen mitmachen können.
Sie sollen ernst genommen werden.
Und sie sollen echte Möglichkeiten bekommen, sich zu entwickeln.

Rückblickend war unsere Zeit in der Rheinwerkstatt für uns keine gute Zeit.

Rheinwerkstatt heißt die WfbM, in der wir waren.

Eigentlich sollte diese Zeit uns stärken.
Sie sollte Entwicklung ermöglichen.
Sie sollte neue Perspektiven eröffnen.

Perspektiven sind echte Möglichkeiten für die Zukunft.

Wir haben diese Zeit aber anders erlebt.

Für uns war sie kein Aufbruch.
Sie war Stillstand.

Sie hat uns nicht gestärkt.
Sie hat uns eher ausgebremst.

Wir sprechen dabei nur für uns selbst.
Andere Menschen können in einer WfbM andere Erfahrungen machen.

Aber für uns war diese Zeit keine Brücke in ein selbstbestimmteres Leben.

Für uns war sie eine Sackgasse.

Eine Sackgasse ist ein Weg, der nicht weiterführt.
Wir benutzen dieses Wort hier als Bild.

Es bedeutet:
Wir hatten das Gefühl, dass dieser Weg uns nicht weitergebracht hat.

Unterstützung?

Wenn Unterstützung nicht stärkt

Werkstätten werden oft als geschützte Orte beschrieben.

Sie sollen Orte sein für:

  • Entwicklung
  • Begleitung
  • Unterstützung
  • Teilhabe
  • Rehabilitation

Rehabilitation bedeutet:
Nach einer Krankheit oder einem Unfall wird jemand durch Therapien und Unterstützung wieder gesund oder möglichst selbstständig.
Das Ziel ist, körperliche, geistige oder soziale Fähigkeiten zurückzugewinnen.
So soll der Alltag besser funktionieren.

Mehr zum Unterschied zwischen Rehabilitation und Arbeit kannst du in unserem Beitrag „War das Arbeit? Oder war das Reha?“ lesen.

In unserem Erleben war davon wenig zu spüren.

Mit der Zeit hatten wir immer weniger den Eindruck:
Unsere Fähigkeiten stehen wirklich im Mittelpunkt.

Wir hatten auch immer weniger den Eindruck:
Unsere Entwicklung und unsere Zukunft sind wirklich wichtig.

Stattdessen erlebten wir enge Strukturen.

enge Strukturen bedeutet:
Es gab wenig Raum für eigene Entscheidungen.
Es gab wenig Raum für eigene Wege.
Und es gab wenig echte Veränderung.

Wir erlebten auch wachsende Abhängigkeiten.

Abhängigkeit bedeutet:
Man ist stark auf andere Menschen oder auf ein System angewiesen.
Dann ist es oft schwer, frei zu entscheiden.

Für uns ließ dieses System wenig Raum für Eigenständigkeit.

Eigenständigkeit bedeutet:
Man kann Dinge selbst entscheiden und selbst tun.

Es ließ auch wenig Raum für Selbstvertrauen.
Und wenig Raum für echte Perspektiven.

Eine Sackgasse beginnt nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht.

Eine Sackgasse kann schon früher beginnen.

Zum Beispiel dann:
Man bewegt sich noch.
Man macht weiter.
Man geht jeden Tag hin.

Aber innerlich und im eigenen Leben kommt man nicht mehr voran.

Was dabei verloren geht

Solche Jahre hinterlassen Spuren.

Nicht nur im Lebenslauf.
Sondern auch im Inneren.

Wenn Menschen lange in Strukturen leben, die sie nicht stärken, kann viel verloren gehen.

Zum Beispiel:

  • Vertrauen
  • Mut
  • Selbstvertrauen
  • Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • eigene Wünsche
  • die Hoffnung auf Veränderung

Zutrauen bedeutet:
Man glaubt daran, dass man etwas schaffen kann.

Mit der Zeit wurden unsere eigenen Wünsche leiser.

Der Gedanke wurde immer ferner:
Vielleicht ist noch etwas anderes möglich.

Genau darin liegt für uns der eigentliche Schaden.

Es geht nicht nur um einzelne Erfahrungen.

Es geht auch darum, was diese Erfahrungen mit dem eigenen Blick auf sich selbst machen.

Wenn man lange ausgebremst wird, kann man anfangen, an sich selbst zu zweifeln.

Man fragt sich vielleicht:
Kann ich überhaupt noch etwas anderes?
Darf ich mehr wollen?
Habe ich eine andere Zukunft verdient?

Solche Fragen können sehr tief wirken.

Acht verlorene Jahre?

Heute sehen wir diese acht Jahre klarer.

Wir sehen keine Zeit, in der wir gewachsen sind.

Wir sehen eher eine Zeit, in der wir gehemmt wurden.

Gehemmt bedeutet:
Etwas wird gebremst.
Entwicklung wird schwieriger.
Der eigene Weg wird enger.

Eigentlich hätten wir Förderung gebraucht.

Förderung bedeutet:
Ein Mensch bekommt passende Unterstützung.
Diese Unterstützung soll Entwicklung ermöglichen.

Förderung ist mehr als Beschäftigung.

Für uns fühlte sich die Zeit aber nicht so an.

Es ist schwer, das auszusprechen.

Denn es bedeutet auch:
Wir müssen einen Verlust benennen.

Für uns war es:

  • verlorene Zeit
  • verlorene Kraft
  • verlorenes Vertrauen

Es waren Jahre, in denen wir Unterstützung gebraucht hätten.

Stattdessen bekamen wir immer stärker das Gefühl:
Wir stecken fest.

Der Weg hinaus

Kleine Schritte in Richtung Selbstbestimmung

Trotzdem endet unsere Geschichte nicht in dieser Sackgasse.

Wir versuchen heute, uns Schritt für Schritt daraus herauszubewegen.

Nicht mit großen Worten.

Nicht mit dem Anspruch, schon angekommen zu sein.

Sondern langsam.
Vorsichtig.
Und oft gegen innere Widerstände.

Innere Widerstände bedeutet:
Etwas in einem selbst macht den nächsten Schritt schwer.

Zum Beispiel Angst.
Zweifel.
Scham.
Oder das Gefühl: Ich schaffe das nicht.

Für uns bedeutet der Weg hinaus:

Wir lernen wieder, unserer eigenen Wahrnehmung zu glauben.

Wahrnehmung bedeutet:
Was wir sehen.
Was wir fühlen.
Was wir erleben.
Und wie wir eine Situation einschätzen.

Wir lernen wieder, eigene Entscheidungen zu treffen.

Wir lernen wieder, der eigenen Stimme zu vertrauen.

Vielleicht ist Selbstermächtigung dafür das richtige Wort.

Selbstermächtigung bedeutet:
Ein Mensch gewinnt wieder Vertrauen in sich selbst.
Er erlebt sich nicht nur als hilflos.
Er beginnt wieder, selbst zu handeln.
Und er gestaltet das eigene Leben wieder mehr mit.

Nach langer Ohnmacht kann schon ein kleiner Schritt sehr wichtig sein.

Ohnmacht bedeutet hier:
Man fühlt sich hilflos.
Man hat das Gefühl, nichts verändern zu können.

Ein kleiner Schritt kann dann viel bedeuten.

Zum Beispiel:

Ein eigener Gedanke.
Eine eigene Entscheidung.
Ein eigener Versuch.

So kann langsam wieder mehr Selbstbestimmung entstehen.

Selbstbestimmung bedeutet:
Man kann über das eigene Leben mitentscheiden.
Man wird nicht nur von anderen bestimmt.

Warum diese Website entsteht

Auch diese Website ist Teil dieses Weges.

Sie entsteht aus einem Wunsch.

Wir wollen Worte finden für das, was wir erlebt haben.

Wir wollen Erfahrungen sichtbar machen.

Und wir wollen uns ein Stück Handlungsmacht zurückholen.

Handlungsmacht bedeutet:
Man kann selbst etwas tun.
Man kann Einfluss nehmen.
Man kann das eigene Leben mitgestalten.

Wir wollen nicht nur benennen, was uns geprägt hat.

Prägen bedeutet:
Etwas hat Spuren hinterlassen.
Es hat beeinflusst, wie man sich selbst und die Welt sieht.

Wir wollen auch benennen, was uns verletzt hat.

Aber die Website soll nicht nur bei der Verletzung stehen bleiben.

Wir wollen auch zeigen:
Ein Neuanfang ist möglich.

Vielleicht langsam.
Vielleicht unvollkommen.
Vielleicht mit Unsicherheiten.

Aber trotzdem bewusst.

Diese Seite ist deshalb nicht nur ein Ort der Kritik.

Sie ist auch ein Ort der Rückgewinnung.

Rückgewinnung bedeutet hier:
Wir holen uns etwas zurück.

Zum Beispiel:

  • die eigene Stimme
  • Vertrauen in die eigene Wahrnehmung
  • Mut
  • Handlungsmacht
  • Selbstbestimmung

Warum wir Sackgasse sagen

Wenn wir von der „Sackgasse WfbM“ sprechen, dann ist das für uns nicht einfach eine Zuspitzung.

Wir benutzen dieses Wort nicht, um besonders hart zu klingen.

Wir benutzen es, weil es unsere eigene Erfahrung am besten beschreibt.

Für uns war dieser Weg keine Brücke in mehr Freiheit.

Er führte für uns nicht zu mehr Würde.

Er führte für uns nicht zu mehr Selbstbestimmung.

Das lag nicht daran, dass wir nichts wollten.

Es lag nicht daran, dass wir uns nicht bemüht hätten.

Sondern daran, dass dieser Weg für uns nicht weitergeführt hat.

Darüber schreiben wir heute.

Weil wir nicht länger schweigen wollen.

Weil wir benennen wollen, was war.

Und weil wir daran festhalten:

Auch eine Sackgasse muss nicht das Ende bleiben.

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