WfbM – Arbeit oder Reha?
In unserem Beitrag „Sackgasse WfbM“ haben wir beschrieben, wie wir unsere Zeit in der Werkstatt erlebt haben.
Für uns war diese Zeit oft keine Entwicklung.
Für uns war sie eher ein Ausbremsen.
In diesem Beitrag gehen wir einen Schritt weiter.
Wir stellen eine Frage, die für uns immer wichtiger geworden ist:
War unsere Zeit in der WfbM Rehabilitation?
Oder eher normale Arbeit?
mit Rehabilitation meinen wir hier:
berufliche Rehabilitation
das bedeutet:
Hilfe beim Arbeiten.
Diese Hilfe ist für Menschen nach einer Krankheit.
Oder nach einem Unfall.
Oder für Menschen mit Behinderung.
Unsere Frage betrifft nicht nur uns persönlich.
Sie betrifft auch ein grundsätzliches Problem im Werkstattsystem.
Mitarbeitende in Werkstätten werden nämlich als „arbeitnehmerähnlich“ bezeichnet.
Daher gilt das Mindestlohngesetz für Werkstattbeschäftigte nicht.
Mehr zum Thema Mindestlohn und WfbM.
Was eine WfbM leisten soll
WfbM ist die Abkürzung für Werkstatt für behinderte Menschen.
Eine WfbM soll Menschen mit Behinderungen beruflich fördern und begleiten.
Sie soll Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen.
Teilhabe am Arbeitsleben bedeutet:
Menschen sollen beruflich mitmachen können.
Sie sollen passende Unterstützung bekommen.
Sie sollen sich entwickeln können.
Und sie sollen nicht nur beschäftigt werden.
Das ist besonders wichtig bei psychischen Erkrankungen.
Dann brauchen Menschen oft besondere Unterstützung.
Sie brauchen Stabilität.
Und sie brauchen echte Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln.
Genau an diesem Anspruch messen wir heute unsere Erfahrungen.
Denn für uns zeigt sich der Charakter einer WfbM nicht an schönen Worten.
Er zeigt sich auch nicht an Leitbildern.
Er zeigt sich daran, was im Alltag wirklich passiert.
Unsere Arbeit
Unsere Zeit in der Rheinwerkstatt war über lange Strecken nicht nur Beschäftigung.
Wir haben konkrete Arbeit gemacht.
Wir waren in der Abteilung Werbetechnik.
Dort haben wir zum Beispiel gestaltet und produziert:
- Drucksachen
- Flyer
- Plakate
- Etiketten
- Schilder
- Werbemittel
Dabei ging es nicht nur um Material für die Einrichtung selbst.
Es ging auch um Arbeiten für externe Auftraggeber.
Teilweise haben wir komplette Gestaltungslinien entwickelt.
Zum Beispiel für Produkte, Veranstaltungen oder Ladenflächen.
Dazu gehörten verschiedene Arbeitsschritte:
- Entwürfe erstellen
- Bilder bearbeiten
- Texte und Bilder setzen
- Folien gestalten
- Arbeiten vor Ort umsetzen
Unsere Arbeit blieb also nicht in einem geschützten Übungsraum.
- Sie floss in reale Produkte ein.
- Sie floss in reale Verkaufsflächen ein.
- Sie floss in reale Veranstaltungen ein.
- Und sie wurde für die Außendarstellung der Werkstatt genutzt.
Für uns war es Arbeit
Wenn wir heute auf diese Tätigkeiten zurückblicken, dann wird für uns etwas deutlich:
Vieles hatte eher den Charakter von normaler Arbeit.
Es wirkte für uns weniger wie eine Reha-Maßnahme.
Ein wichtiger Punkt ist die wirtschaftliche Verwertbarkeit.
Wirtschaftlich verwertbar bedeutet:
Eine Arbeit wird nicht nur zur Übung gemacht.
Sie wird tatsächlich genutzt.
Sie wird gedruckt, verkauft oder öffentlich eingesetzt.
Genau das war bei vielen unserer Arbeiten der Fall.
Ein weiterer Punkt ist die Verbindlichkeit.
Verbindlichkeit bedeutet:
Eine Aufgabe ist nicht nur ein Versuch.
Es wird ein Ergebnis erwartet.
Dieses Ergebnis muss fertig werden.
Und andere Menschen verlassen sich darauf.
Auch das haben wir oft erlebt.
Es ging nicht einfach darum, etwas auszuprobieren.
Es ging darum, Ergebnisse zu liefern.
Diese Ergebnisse wurden gebraucht.
Auch unsere Selbstständigkeit war wichtig.
Selbstständigkeit bedeutet:
Eine Aufgabe wird zu großen Teilen eigenständig erledigt.
Man bekommt nicht jeden Schritt genau vorgegeben.
Man plant mit, entscheidet mit und setzt Dinge selbst um.
- Wir arbeiteten oft eigenständig an Entwürfen.
- Wir nahmen Maße vor Ort.
- Wir setzten Kundenwünsche um.
- Und wir waren bei Außenterminen im Einsatz.
Aus unserer Sicht geschah vieles nicht in einem eng begleiteten Rahmen.
Und auch nicht in einem besonders geschützten Rahmen.
Deshalb stellt sich für uns eine zentrale Frage:
Wenn Arbeit über Jahre hinweg verbindlich ist,
wenn sie wirtschaftlich genutzt wird und wenn sie zu großen Teilen eigenständig ausgeführt wird:
Worin besteht dann eigentlich noch der Reha-Kern?
Keine Rehabilitation
Genau hier liegt für uns das Problem.
Wir haben die WfbM nicht als einen Ort erlebt, an dem unsere Fähigkeiten gezielt weiterentwickelt wurden.
Nach außen wurde Förderung zwar immer wieder betont.
In unserem Erleben stand aber oft etwas anderes im Vordergrund:
- Wir sollten funktionieren.
- Wir sollten Aufgaben erledigen.
- Wir sollten Abläufe aufrechterhalten.
Wir haben den Reha-Charakter auch besonders vermisst bei den sogenannten „Begleitenden Maßnahmen“.
Begleitende Maßnahmen sind Angebote, die zusätzlich zur Arbeit stattfinden können.
Zum Beispiel:
- Kochgruppe
- Kegelgruppe
- Wii-Gruppe
- Spaziergänge
Solche Angebote können in einer Werkstatt sinnvoll sein.
- Sie können Gemeinschaft fördern.
- Sie können stabilisieren.
- Sie können soziale Kontakte ermöglichen.
Für uns blieb aber oft unklar:
- Wie sollten diese Angebote unsere tatsächlichen Fähigkeiten fördern?
- Wie sollten sie unsere berufliche Situation verbessern?
- Wie sollten sie zu unserer Entwicklung beitragen?
Auch echte Passgenauigkeit haben wir kaum erlebt.
Passgenau bedeutet:
Eine Unterstützung passt wirklich zur Person.
Sie passt zu ihren Fähigkeiten.
Sie passt zu ihren Interessen.
Und sie passt zu ihren Entwicklungsmöglichkeiten.
Aus unserer Sicht wurden unsere Fähigkeiten und Interessen nicht so aufgegriffen, wie wir es von einer Reha-Maßnahme erwartet hätten.
Psychische Belastung ohne Halt
Gerade bei psychischen Erkrankungen müsste eine WfbM besonders sorgfältig arbeiten.
- Sie müsste stabilisieren.
- Sie müsste unterstützen.
- Sie müsste aufmerksam darauf schauen, was ein Mensch braucht.
In unserem Erleben war davon zu wenig zu spüren.
Im Fall von Janina kam etwas Schwerwiegendes hinzu.
Schon zu Beginn ihrer Zeit in der Rheinwerkstatt kam es zu sexuellen Übergriffen durch einen leitenden Mitarbeiter.
Diese Erfahrungen hatten massive Folgen für ihre weitere Zeit in der Werkstatt.
Aus unserer Sicht hätte Janina danach verlässliche Unterstützung gebraucht.
Sie hätte eine tragfähige psychosoziale Begleitung gebraucht.
Psychosoziale Begleitung bedeutet:
Ein Mensch bekommt Unterstützung bei seelischen Belastungen.
Und er bekommt Hilfe im Umgang mit schwierigen sozialen Situationen.
Janina erlebte seitens der Einrichtung keine Unterstützung, die für sie spürbar zur Stabilisierung beigetragen hätte.
Auch eine für sie spürbare Aufarbeitung erlebte sie nicht.
Aufarbeitung bedeutet:
Ein Vorfall wird ernst genommen.
Es wird geprüft, was passiert ist.
Es wird geklärt, was falsch gelaufen ist.
Und es wird überlegt, was sich ändern muss.
Gerade an diesem Punkt wurde für uns der angebliche Reha-Charakter der Maßnahme besonders schwer verfehlt.
Anspruch und Wirklichkeit
Besonders belastend war für uns der Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und Realität.
Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und Realität bedeutet:
Nach außen wird etwas anders gezeigt, als es sich im Alltag anfühlt.
Eine Einrichtung beschreibt sich zum Beispiel als unterstützend.
Betroffene erleben aber zu wenig Unterstützung.
Auch wir sind mit dieser Vorstellung in die WfbM gegangen.
Unsere Erfahrung war aber anders.
Aus unserer Sicht wurde dieser Anspruch im Alltag oft nicht eingelöst.
Gerade dort, wo es wichtig gewesen wäre, erlebten wir zu wenig davon:
- zu wenig individuelle Förderung
- zu wenig Schutz
- zu wenig Augenhöhe
- zu wenig Stabilisierung
Stattdessen erlebten wir viel Arbeit.
Viel Anpassung.
Und viel Abhängigkeit.
Gleichzeitig erlebten wir zu wenig von dem, was eigentlich den Reha-Kern ausmachen sollte.
Warum wir darüber schreiben
Wir schreiben das nicht, weil wir unsere Erfahrungen verallgemeinern wollen.
Nicht jeder Mensch erlebt eine WfbM so wie wir.
Aber wir halten es für wichtig, diese Widersprüche sichtbar zu machen.
Denn unsere Geschichte wirft Fragen auf.
Diese Fragen gehen aus unserer Sicht über unseren Einzelfall hinaus:
Was ist in einer WfbM wirklich Förderung?
Was ist in Wahrheit normale Arbeit?
Wo bleibt Schutz?
Wo bleibt passgenaue Unterstützung?
Und was bedeutet Teilhabe eigentlich, wenn Menschen zwar arbeiten, sich aber trotzdem nicht gestärkt fühlen?
Wir glauben:
Das Werkstattsystem darf nicht nur an schönen Worten gemessen werden.
Es muss an seiner tatsächlichen Wirkung gemessen werden.
Wenn Menschen über Jahre reale Arbeit leisten, dann muss genau hingeschaut werden.
Besonders dann, wenn diese Arbeit wirtschaftlich genutzt wird.
Und besonders dann, wenn Förderung, Schutz und passende Begleitung kaum erkennbar sind.
Dann muss diese Frage erlaubt sein:
Wird hier wirklich rehabilitiert? – Oder wird hier vor allem gearbeitet?
„rehabilitiert“ kommt vom Wort „Rehabilitation“.
Gemeint ist hier:
Wird ein Mensch durch die Maßnahme wirklich gestärkt?
Oder wird vor allem seine Arbeit genutzt?