Wenn Schutz versagt:

Machtmissbrauch in Werkstätten – und der Widerspruch zu christlichen Werten

Werkstätten sollen Teilhabe ermöglichen

Werkstätten für behinderte Menschen sollen Orte der Teilhabe sein. So steht es im Gesetz: Sie sind Einrichtungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und zur Eingliederung in das Arbeitsleben. Eigentlich sollen sie Menschen stärken, ihnen Struktur geben und sie auf ihrem Weg unterstützen.

Quelle: § 219 SGB IX ↗

Ein aktueller Forschungsbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt:

Viele Betroffene erleben etwas anderes

Dort, wo eigentlich Schutz sein sollte, gibt es auch Abhängigkeit, Angst und Machtgefälle. Beschäftigte in Werkstätten gehören oft zu einer besonders vulnerablen Gruppe. Viele sind auf Unterstützung angewiesen. Viele haben wenig Geld, wenig Rückhalt und nur begrenzte Möglichkeiten, sich wirksam zu beschweren oder ihre Rechte durchzusetzen. Gerade das kann Machtmissbrauch erleichtern: Täter oder übergriffige Strukturen müssen oft mit weniger Gegenwehr rechnen. Das macht solche Taten und solchen Missbrauch besonders schwerwiegend.

Machtmissbrauch ist nicht immer sofort sichtbar

Machtmissbrauch in Werkstätten zeigt sich nicht nur in offener Gewalt. Er kann auch alltäglich und leise sein: wenn Menschen angeschrien, klein gemacht, nicht ernst genommen oder übergangen werden. Wenn über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Wenn Grenzen nicht beachtet werden. Wenn Beschwerden versanden. Dann wird aus Hilfe Kontrolle. Und aus Unterstützung wird Abhängigkeit. Solche Erfahrungen treffen Menschen besonders hart, wenn sie ohnehin schon darum kämpfen müssen, gehört und respektiert zu werden.

Studien zeigen deutlichen Handlungsbedarf

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine vom Bund beauftragte Studie zu sexueller Belästigung, Gewalt und Gewaltschutz in Werkstätten für behinderte Menschen. Der Forschungsbericht 638 K – Sexuelle Belästigung, Gewalt und Gewaltschutz in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) aus dem Jahr 2024 spricht von einer hohen Betroffenheit und von erheblichem Handlungsbedarf. Beschäftigte mit Behinderungen in WfbM seien demnach deutlich häufiger und teils auch schwerer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen als Beschäftigte im Bevölkerungsdurchschnitt. Die Studie macht außerdem deutlich, dass es nicht nur um Einzelfälle geht, sondern um die Frage, wie Schutz in solchen Einrichtungen überhaupt organisiert ist.

Was institutioneller Machtmissbrauch bedeutet

Gerade hier zeigt sich, was institutioneller Machtmissbrauch bedeutet. Gemeint ist damit nicht nur das Fehlverhalten einzelner Personen. Gemeint sind auch Strukturen, die Übergriffe erleichtern, Beschwerden erschweren und Verantwortlichkeiten verwischen. In einem System mit klaren Hierarchien, wenig Transparenz und starker Abhängigkeit haben Betroffene oft schlechte Karten. Wer Hilfe braucht, wer auf Betreuung, Anleitung oder Wohlwollen angewiesen ist, kann sich häufig nicht frei wehren. So wird Verletzlichkeit zu einem Risiko, das nicht zufällig entsteht, sondern strukturell mit erzeugt wird.

Quelle: BMBFSFJ ↗

Schutzrechte gibt es – aber sie müssen auch wirken

Dabei gibt es in Werkstätten Schutzrechte. Es gibt Werkstatträte, die die Interessen der Beschäftigten vertreten sollen. Und es gibt Frauenbeauftragte. Ihre Aufgabe ist gesetzlich festgelegt: Sie vertreten die Interessen der in der Werkstatt beschäftigten behinderten Frauen, besonders bei Gleichstellung und beim Schutz vor körperlicher, sexueller und psychischer Belästigung oder Gewalt. Das ist wichtig. Aber solche Rechte helfen nur dann, wenn sie im Alltag auch ernst genommen, personell unterstützt und barrierefrei zugänglich gemacht werden. Ein Recht auf dem Papier ist noch kein echter Schutz.

Quelle: § 39a WMVO ↗

Aufarbeitungsstudie ForuM

Der Widerspruch zu christlichen Werten

Besonders bitter ist der Widerspruch dort, wo Werkstätten oder Träger sich ausdrücklich auf christliche Werte berufen. Viele kirchliche Einrichtungen sprechen von Nächstenliebe, von Würde, vom Schutz der Schwachen und von Verantwortung füreinander. Umso erschütternder ist es, wenn Menschen in solchen Strukturen dennoch Demütigung, Ohnmacht oder Gewalt erleben. Dann geht es nicht nur um Regelverstöße. Dann geht es auch um einen tiefen Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Worte wie Nächstenliebe verlieren ihren Sinn, wenn Menschen, die besonders schutzbedürftig sind, gerade in solchen Einrichtungen schutzlos bleiben.

Die ForuM-Studie zeigt: Es geht auch um Strukturen

Diese Widersprüche werden seit Längerem öffentlich diskutiert. Ein wichtiges Beispiel ist die sogenannte ForuM-Studie zur evangelischen Kirche. Sie wurde von der EKD und ihren Landeskirchen finanziert; die Ergebnisse wurden am 25. Januar 2024 veröffentlicht. Ziel war es ausdrücklich, Gefährdungslagen und systemische Bedingungen für sexualisierte Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie zu untersuchen. Schon daran wird deutlich: Es geht nicht nur um einzelne Täter, sondern auch um Strukturen, die Missbrauch ermöglichen oder Aufarbeitung behindern können.

Viele Betroffene haben den Eindruck: Systeme schützen sich selbst

Viele Menschen haben allerdings den Eindruck, dass öffentliche Reaktionen oft nicht weit genug gehen. Es gibt Studien, Erklärungen und Maßnahmenpläne. Aber Betroffene erleben häufig, dass echte Konsequenzen ausbleiben, Verantwortung unklar bleibt und Systeme vor allem sich selbst schützen. Genau darin liegt ein Kern institutionellen Machtmissbrauchs: Aufarbeitung wird angekündigt, aber nur begrenzt zugelassen, solange die eigene Ordnung, das eigene Ansehen oder die eigene Kontrolle nicht ernsthaft infrage gestellt werden. Die ForuM-Studie macht deshalb nicht nur individuelles Versagen sichtbar, sondern wirft auch die Frage auf, wie ernst Institutionen ihre eigene Aufarbeitung wirklich meinen.

Quelle: EKD ↗

Der Forschungsbericht des Bundesministeriums verdeutlicht auch:

Die Schwächsten können sich oft am wenigsten wehren

Für Betroffene in Werkstätten ist das besonders schwer. Denn sie haben oft weniger Kraft, weniger Unterstützung und weniger finanzielle Mittel, um sich zu wehren. Manche können ihre Erfahrungen nur schwer in Worte fassen. Manche haben Angst vor Nachteilen, wenn sie etwas sagen. Manche haben gelernt, dass ihnen ohnehin nicht geglaubt wird. Dadurch entsteht eine besonders gefährliche Lage: Die Menschen, die am meisten Schutz brauchen, haben oft die geringsten Möglichkeiten, diesen Schutz selbst einzufordern.

Was sich ändern muss

Deshalb reicht es nicht, Missbrauch nur zu benennen. Werkstätten und ihre Träger müssen Strukturen schaffen, die Betroffene wirklich schützen. Dazu gehören klare Gewaltschutzkonzepte, verständliche und barrierefreie Beschwerdewege, unabhängige Ansprechstellen, konsequente Reaktionen auf Verdachtsfälle und echte Beteiligung von Betroffenen. Schutz darf nicht vom guten Willen Einzelner abhängen. Er muss verlässlich organisiert sein.

Quelle: BMBFSFJ ↗

Eine entscheidende Frage bleibt

Am Ende geht es um eine einfache, aber entscheidende Frage: Was ist eine Werkstatt für behinderte Menschen in der Wirklichkeit? Ein Ort der Teilhabe und des Respekts? Oder ein Ort, an dem Menschen wegen ihrer Abhängigkeit leichter übergangen werden? Wo Menschen besonders verletzlich sind, müsste der Schutz besonders stark sein. Wenn das nicht gelingt, ist das nicht nur ein organisatorisches Problem. Es ist ein gesellschaftliches und moralisches Versagen.