Acht Jahre, die uns nicht gutgetan haben
Meine Lebensgefährtin und ich waren acht Jahre in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
Heute sehen wir diese Zeit kritisch.
Für uns war es keine gute Zeit.
Eigentlich sollen Werkstätten Teilhabe, Förderung und neue Perspektiven möglich machen.
So haben wir es aber nicht erlebt.
Für uns war diese Zeit kein Aufbruch.
Für uns war sie Stillstand.
Sie hat uns nicht gestärkt.
Sie hat uns eher ausgebremst.
Wir sprechen nur über unsere eigene Erfahrung
Wichtig ist uns:
Wir sprechen hier nur über uns selbst.
Nicht jeder Mensch macht in einer WfbM dieselben Erfahrungen.
Aber für uns war diese Zeit keine Brücke in ein selbstbestimmteres Leben.
Für uns war sie eine Sackgasse.
Wenn Unterstützung nicht stärker macht
Werkstätten werden oft als geschützte Orte beschrieben.
Als Orte für Entwicklung.
Für Begleitung.
Und für Teilhabe.
In unserem Erleben war davon wenig zu spüren.
Mit der Zeit hatten wir immer weniger das Gefühl,
dass unsere Fähigkeiten,
unsere Entwicklung
und unsere Zukunft wirklich wichtig sind.
Stattdessen erlebten wir enge Strukturen.
Wir wurden immer abhängiger.
Und wir erlebten ein System,
das wenig Raum ließ
für Eigenständigkeit,
Selbstvertrauen
und echte Perspektiven.
Eine Sackgasse beginnt oft früher
Eine Sackgasse beginnt nicht erst dann,
wenn gar nichts mehr geht.
Sie beginnt oft schon dann,
wenn man sich noch bewegt,
aber schon lange nicht mehr wirklich vorankommt.
So haben wir unsere Zeit dort erlebt.
Solche Jahre hinterlassen Spuren
Solche Jahre gehen nicht einfach vorbei.
Sie hinterlassen Spuren.
Nicht nur im Lebenslauf.
Auch im Inneren.
Wer lange in Strukturen lebt,
die nicht stärken,
sondern klein machen,
verliert etwas.
Zum Beispiel:
- Vertrauen
- Mut
- Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten
Mit der Zeit werden die eigenen Wünsche leiser.
Der Gedanke,
dass noch etwas anderes möglich sein könnte,
rückt immer weiter weg.
Das war für uns der eigentliche Schaden
Für uns liegt der eigentliche Schaden nicht nur in einzelnen Erlebnissen.
Er liegt auch in der Wirkung dieser Zeit.
Denn solche Erfahrungen verändern den Blick auf sich selbst.
Man traut sich weniger zu.
Man glaubt weniger an sich.
Und man verliert leichter die Hoffnung,
dass sich etwas ändern kann.
Rückblick auf eine verlorene Zeit
Heute sehen wir diese acht Jahre klarer.
Wir sehen keine Zeit,
in der wir gewachsen sind.
Wir sehen eine Zeit,
in der wir eher gehemmt als gefördert wurden.
Das ist schwer auszusprechen.
Denn es bedeutet auch, einen Verlust zu benennen:
- verlorene Zeit
- verlorene Kraft
- verlorenes Vertrauen
Wir hätten in diesen Jahren Unterstützung gebraucht.
Stattdessen hatten wir immer mehr das Gefühl, festzustecken.
Der Weg hinaus beginnt klein
Trotzdem endet unsere Geschichte nicht dort.
Wir versuchen heute,
uns Schritt für Schritt aus dieser Sackgasse herauszubewegen.
Nicht mit großen Worten.
Nicht mit dem Anspruch,
schon am Ziel zu sein.
Sondern langsam.
Vorsichtig.
Und oft auch gegen innere Widerstände.
Für uns bedeutet das:
- wieder mehr an die eigene Wahrnehmung glauben
- wieder eigene Entscheidungen treffen
- wieder Zutrauen in die eigene Stimme entwickeln
Wir holen uns Schritt für Schritt unser eigenes Leben zurück
Genau darum geht es für uns.
Wir holen uns Schritt für Schritt unser eigenes Leben zurück.
Nach langer Ohnmacht
kann schon ein kleiner Schritt sehr wichtig sein.
Zum Beispiel:
- ein eigener Gedanke
- eine eigene Entscheidung
- ein eigener Versuch, das eigene Leben wieder mitzugestalten
Darum gibt es diese Website
Auch diese Website ist ein Teil dieses Weges.
Wir wollen Worte für das finden,
was wir erlebt haben.
Wir wollen unsere Erfahrungen sichtbar machen.
Und wir wollen uns ein Stück Handlungsmacht zurückholen.
Wir wollen nicht nur benennen,
was uns geprägt und verletzt hat.
Wir wollen auch zeigen,
dass ein Neuanfang möglich ist.
Langsam.
Unvollkommen.
Mit Unsicherheiten.
Aber trotzdem bewusst.
Diese Website ist mehr als Kritik
Diese Website ist nicht nur ein Ort der Kritik.
Sie ist auch ein Ort,
an dem wir etwas zurückgewinnen wollen.
Zum Beispiel:
- unsere Stimme
- unsere Sicht auf die Dinge
- mehr Einfluss auf unser eigenes Leben
Warum wir von einer Sackgasse sprechen
Wenn wir von der „Sackgasse WfbM“ sprechen,
dann ist das für uns keine Übertreibung.
Für uns ist es die treffendste Beschreibung unserer eigenen Erfahrung.
Nicht weil wir nichts wollten.
Nicht weil wir uns nicht bemüht hätten.
Sondern weil dieser Weg für uns nicht zu mehr Freiheit geführt hat.
Nicht zu mehr Würde.
Und nicht zu mehr Selbstbestimmung.
Warum wir heute darüber schreiben
Wir schreiben heute darüber,
weil wir nicht länger schweigen wollen.
Wir wollen benennen, was war.
Und wir wollen daran festhalten:
Auch eine Sackgasse muss nicht das Ende bleiben.